Personalpolitik Zukunft der ambulanten Pflege

Niedersachsen gehen die Pflegekräfte aus

Politik verschläft den Wandel der Zeit

Hildesheim, im August 2018

Dass die ambulanten Pflegedienste in Deutschland immer stärker unter Druck geraten, ist nicht zu überhören und zu übersehen. Patientinnen und Patienten müssen bereits abgelehnt, bestehende Verträge gekündigt werden.

„Und es kommt noch schlimmer,“ warnt die Leiterin des ambulanten Pflegedienstes Lambertinum, Michaela Starun. „Zusätzlich zum demografischen Wandel gehen in den nächsten Jahren die geburtenstarken Jahrgänge in Rente. Wenn wir bis dahin keine Lösungen für die Missstände in der Pflege gefunden haben, bricht das ganze System unter der erdrückenden Last zusammen. Wir werden schon jetzt zwischen Kostendruck und Personalmangel zerrieben. Pflegepersonal wird so dringend gebraucht wie nie zuvor.“

Verantwortlich für den Pflegenotstand sind Kostenträger, Politik und übermäßige Bürokratie. Pünktlich zu den Wahlen wird über das Thema Pflege eifrig diskutiert, um es sofort danach wieder unverrichteter Dinge fallen zu lassen. Es gibt weder brauchbare Konzepte noch wirklich gute Ideen, um die Lage der Pflegekräfte zu verbessern. Besonders schwer ist es in Niedersachsen, gutes Pflegepersonal zu bekommen. Denn in jedem Bundesland gibt es derzeit seitens der Kranken- und Pflegekassen andere Vergütungsvereinbarungen. Niedersachsen ist nach den neuen Bundesländern das Schlusslicht. Da ist es nur verständlich, dass gut ausgebildete Pflegekräfte lieber in Bayern oder Baden-Württemberg arbeiten als bei uns in Niedersachsen.

Was ist also zu tun, damit auch künftig alte und kranke Menschen jeder sozialen Schicht mit professioneller Begleitung und qualifizierter Pflege so lange wie möglich in ihrem Zuhause leben können? Zunächst einmal müssen die Tariflöhne für Pflegekräfte bundesweit angeglichen werden. Wenn wir mal darüber nachdenken, sind wir uns doch alle einig: Die Arbeit der Pflegekräfte ist äußerst anstrengend und für unsere alternde Gesellschaft einfach unverzichtbar. Sie muss also unbedingt besser bezahlt werden, damit auch in Zukunft Menschen motiviert und bereit sind, diese Arbeit mit echtem Engagement zu übernehmen.

Auch an der Organisation der Pflegedienste muss sich einiges ändern. Eine größere Unabhängigkeit von den Kostenträgern was die Gestaltung der Leistungskataloge betrifft, wäre äußerst hilfreich. Und dann ist da noch die zeitraubende und nervtötende Bürokratie, die selbstverständlich nicht völlig entfallen aber sicher stark vereinfacht werden kann.

Das Lambertinum geht inzwischen schon mal mit gutem Beispiel voran und bietet erprobten Pflegehilfskräften eine Ausbildung zu Pflegefachkräften an. Während der Ausbildung erhalten sie ein höheres Gehalt als Auszubildende ohne Pflegeerfahrung. So können auch ältere Pflegehilfskräfte die Ausbildungszeit gut überbrücken. „Mit dieser Maßnahme gewinnen wir zwar keine neuen Mitarbeitenden, aber wir sichern die Qualität unserer Pflegedienstleistungen und entlasten langfristig unser Team,“ sagt Michaela Starun. „Der Mensch muss künftig wieder mehr im Mittelpunkt stehen. Wir brauchen angemessene Gehälter, weniger Bürokratie und mehr Zeit für Kundinnen und Kunden. Dann werden sich auch die Generationen Y und Z stärker für den Pflegeberuf interessieren. Und die Politiker sollten nicht vergessen, dass auch pflegebedürftige Menschen Wählerinnen und Wähler sind.“